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Igor Grubić

*1969 in Zagreb, Kroatien, lebt in Zagreb.

Missing Architecture

'Missing Architecture' wurde 2012 in Zusammenarbeit mit der Islamischen Gemeinde von Modica auf Sizilien als Teil des Festivals 'I Vespri. Civic Forum in Five Acts' realisiert. Von 827 bis 1061 stand Sizilien unter arabischer Herrschaft. In der Sprache und bei vielen Orts- und auch Familiennamen gibt es Bezüge zum Arabischen. Die Sizilianische Küche ist ebenso geprägt von der arabischen Hochkultur.

Ausgangspunkt der Arbeit war die Tatsache, dass es trotz größerer islamischer Gemeinden keine Moscheen als Orte des Gebets und der Gottesverehrung auf Sizilien gibt. Mit wenigen Eingriffen erzeugte Igor Grubic an verschiedenen Orten in der Stadt das Fundament einer imaginären Architektur. Wesentlicher Teil der Arbeit war auch die Zusammenarbeit mit dem Muezzin, der während des Festivals zum ersten Mal seit Jahrhunderten den täglichen fünfmaligen Gebetsaufruf Adhan wieder öffentlich vortragen durfte.

366 Liberation Rituals

Igor Grubić verarbeitete in einer ganzen Serie von Inszenierungen und Aktionen im öffentlichen Raum, den '366 Liberation Rituals', die Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend in der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien. Dabei spielt er bewusst mit den Insignien proletarischer Revolution, der roten Fahne und dem roten Halstuch vieler kommunistischer Jugendorganisationen. Rituale einer Befreiung werden inszeniert, sicherlich auch eine Befreiung von der persönlichen Vergangenheit, den Zwängen in der eigenen Jugend, in einer sozialistischen Gesellschaft und denen der Transformation zu einer neuen Gesellschaftsform. Die unterschiedlichen Aktionen sind in mehreren Hundert Fotografien dokumentiert und in 33 einzelnen Tafeln zusammengestellt. Jede Tafel trägt einen Text des Künstlers, der eine kurze Erläuterung dieser Rituale einer Befreiung vermittelt.

Die '366 Liberation Rituals' sind auch eine Hommage an die Aktion 'Red Peristyle', die im Januar 1968 im antiken Peristyle in Split stattgefunden hatte. Den Fussboden im Hof des römischen Diocletian Palastes aus dem 4. Jahrhundert nach Christus hatte eine anonyme Gruppe von Künstlern und Aktivisten rot angemalt. 30 Jahre später, im Januar 1998 malte Igor Grubić in einer nächtlichen Aktion einen großen schwarzen Kreis auf den Boden des Peristyl, 'Black Peristyle'. In einer Ecke des Platzes hinterließ der Künstler die Nachricht, dass der schwarze Kreis "wie ein magischer Spiegel den Zustand des sozialen Gewissens" reflektiere. Zehn Jahre später und 40 Jahre nach dem 'revolutionären' Jahr 1968, entschied sich Igor Grubić dafür, an jedem Tag das Jahres 2008 eine 'revolutionäre' Aktion auszuführen.

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Angels with Dirty Faces

Die ‘Angels with Dirty Faces’ sind Teil einer größeren Werkgruppe des kroatischen Künstlers Igor Grubić, die sich mit den Bergarbeitern im Kohlebergbau im Kolubara Becken im heutigen Serbien auseinandersetzt. Der Braunkohletagebau, die Verhüttung und der Betrieb von Wärmekraftwerken mit der Kohle aus dem Kolubara Becken tragen bis heute zu gut 50% zur Energieversorgung Serbiens bei.
Der Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien zu Anfang der 1990er Jahre  führte zu einer Reihe von äußerst brutal geführten Kriegen, die über fast 10 Jahre andauerten und zur staatlichen Autonomie von Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Nord-Mazedonien führten. Auseinandersetzungen, die zum Teil bis heute weiter schwelen.
In den Wirren der Auflösung setzte sich der kommunistische Politiker Slobodan Milošević zu Anfang der 1990er Jahre als Vorsitzender der sozialistischen Partei Serbiens durch und wurde Präsident der Republik Serbiens. Mit dem Ziel einen groß-serbischen Staat zu schaffen, spielte Slobodan Milošević im Kroatienkrieg, im Bosnienkrieg und auch im Kosovokrieg eine entscheidende Rolle. Noch als amtierender Präsident Serbiens wurde er im Mai 1999 vom Internationalen Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie Verletzung des Kriegsrechts und der Genfer Konvention angeklagt. Bei den Präsidentschaftswahlen im Herbst 2000 erklärte er sich trotz offensichtlicher Wahlfälschungen und massiver Proteste und Demonstrationen zum Sieger. Zur Unterstützung seiner Anhänger forderte er, in alter kommunistischer Tradition, die Arbeiter der Kolubara Bergwerke auf, nach Belgrad zu kommen und für ihn zu demonstrieren.
Die Arbeiten organisierten einen Gegenstreik, stellten die Produktion ein und legten damit die Energieversorgung des Landes lahm. Slobodan Milošević wurde zum Rücktritt gezwungen und wurde nach Neuwahlen festgenommen und an den Haager Gerichtshof ausgeliefert.
Gut acht Jahre nach diesen Ereignissen besuchte Igor Grubić die Kohlegruben, nahm Kontakt zur Gewerkschaft auf, die den Streik maßgeblich organisiert hatte, dreht einen Film mit ihnen und portraitierte einige der im Streik aktiven Arbeiter.

Igor Grubić:
„Ich dachte zunächst an monumentale Szenen und Bilder aus der Ära des Sozialismus, in denen die Rolle der Arbeiterschaft verherrlicht wurde. Als ich mit den Bergarbeitern zusammentraf, diskutierten wir über Kunst, und unsere Gespräche drehten sich hauptsächlich um Filme. Filme von Kusturica mit Elementen des Surrealismus bedeuteten kreative Freiheit für die meisten und waren ihnen nahe und vertraut. In meinen Gesprächen mit dem Gewerkschaftsvorstand, der an der Organisation des Streiks beteiligt gewesen war, diskutierten wir den Film von Wenders mit dem Titel „Der Himmel über Berlin“, und dieser Film wurde zum Schlüssel für die Interpretation dieses Werks. Ein Engel schwebt herab zu den Menschen und findet andere Engel, die bereits vor ihm gekommen waren, um der Menschheit zu helfen. Da sie beschlossen hatten, auf der Erde zu bleiben, verzichteten diese Engel auf ihre Flügel und ihre Unsterblichkeit und wurden zu Bergarbeitern. Der Titel dieses Werks bezieht sich auf die paradoxe Situation, die wir in dieser Gegend in den 1990ern erlebt haben: Einerseits sind da die Bergarbeiter, die trotz ihrer harten und ehrlichen Arbeit an der Armutsgrenze dahin vegetieren, aber saubere Hände und ein reines Gewissen behalten, auf der anderen Seite stehen die Politiker und alle Führungskräfte, die eigentlich eine Vorbildfunktion ausüben, als solche herausragen sollten, die aber aufgrund der Gewalt, die sie gegen Menschen ausüben und aufgrund ihrer Gier und schmutzigen Bestechlichkeit in Wirklichkeit mit schmutzigen Händen dastehen.“

East Side Story

Nachdem Kroatien 1991 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, beendete erst das Abkommen von Erdut den fast vier Jahre dauernden kroatischen Krieg. In vielen der ehemals zum Ostblock gehörenden Staaten werden Homosexuelle diskriminiert. 2001 und 2002 fanden in Belgrad und Zagreb erste Gay-Pride-Paraden statt. Von knapp 300 Aktivisten und offiziellen Vertretern der Regierung durchgeführt, kam es zu schweren Gewaltausbrüchen von organisierten Neonazis und Bürgern gegen Teilnehmer und Sympathisanten. 'East Side Story' zeigt auf einem Kanal Dokumentaraufnahmen der ungeheuerlichen Wut- und Gewaltausbrüche. Im anderen Video, leicht zeitversetzt, imitieren Tanz-Theater-Aktionen diese Auswüchse des Hasses an den gleichen Orten in Zagreb. Obwohl der kroatische Staat 2003 die legalen Rechte Homosexueller stärkte, kam es selbst 2011 auf einer Gay-Parade im kroatischen Split erneut zu massiver Gewalt gegen die Teilnehmer.

'East Side Story' erhielt im Jahre 2010 den T-HT Award der T-Hrvatski Telekom, der zusammen mit dem Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb vergeben wird.

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