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Yane Calovski / Hristina Ivanoska

*1973 / 1974 in Skopje, Mazedonien, leben in Skopje.

Yane Calovski und Hristina Ivanoska gründeten 2004 in Skopje den 'press to exit project space' – www.presstoexit.org.mk –, der mit seinem Programm die zeitgenössische Kunst in der Republik Mazedonien in einem internationalen Netzwerk reflektiert und verankert.
Beide Künstler arbeiten an einer Reihe von Werken auch gemeinschaftlich.

Natural and Social Studies – Spiral Swim Line

Zwischen 2000 und 2003 unternahmen Yane Calovski und Hristina Ivanoska verschiedene Wanderungen durch Mazedonien, die einer Linie folgten, die in Spiralform über die Landkarte gezeichnet worden war, 'Natural and Social Studies, Spiral Trip'. Für ein Ausstellungsprojekt 2004 in Puerto Rico an der Küste von Rincón realisierten die beiden Künstler 'Natural and Social Studies, Spiral Swim Line'. Sie nahmen dabei in Form und Umfang Bezug auf eines der zentralen Werke der amerikanischen Land Art, den 1970 am Großen Salzsee in Utah von Robert Smithson konzipierten Spiral Jetty.

The Oskar Hansen's Museum of Modern Art

12 unterschiedlich gestaltete Plakate umfasst diese Arbeit von Yane Calovski und Hristina Ivanoska, die 1973 und 1974 in Skopje in der Republik Mazedonien geboren wurden. Wir lesen witgehend unbekannte Namen wie zum Beispiel: Oskar Hansen, Dusan Percinkov, Ana Mendieta, Paul Thek, Mladen Stilinovic. Erinnerungen und die Konstruktion geschichtlicher Fakten und Fiktionen sowie die sich daraus entfaltenden Erzählungen spielen im Werk von Yane Calovski und Hristina Ivanoska eine zentrale Rolle. In dieser Arbeit inszenieren sie ein imaginäres ‚Was-wäre-Wenn’ Szenario von Kunstprojekten im nie realisierten Museum des polnischen Architekten Oskar Hansen. Darauf verweist ein Logo, das sich auf jedem Poster wiederholt. Die imaginären Ausstellungen beziehen sich auf Künstler und Ausstellungsprojekte der jüngeren Kunstgeschichte aus den vergangenen Jahrzehnten. Sie reichen von 1963 bis 2008.

Das erste Poster aus der Serie ist Ad Reinhard gewidmet und mit 1963 datiert, dem Jahr eines verheerenden Erdbebens in Skopje, das fast die gesamte Altstadt verwüstete. Das Plakat zeigt dunkelgraue Schrift auf schwarzem Grund und nimmt damit Bezug auf die bedeutenden Werke des amerikanischen Künstlers (1913–1967), die monochromen Black Paintings. Gemälde, die im ersten Moment schwarz erscheinen und dann beim längeren Hinschauen verschiedene Schichtungen, Flächen und farbige Nuancen entdecken lassen. Der Text ist ein kurzes Zitat aus den Schriften des Künstlers ebenfalls aus dem Jahr 1963. Er vermittelt eine radikale Absage an das Museum als Ort der Unterhaltung oder Vermittlung. Stattdessen müsse ein Museum der Schönen Künste als Schatzkammer und Grab verstanden werden, ein Ort der Besinnung und stummen Bewunderung. Das Konzept für das Museum der Moderne in Zagreb, das in den nächsten drei Plakaten dokumentiert wird, steht zu dieser Vorstellung in klarem Widerspruch. Es möchte eine dynamische Kunst provozieren. Kunstwerke, die keine feste Form haben, sondern sich genau so wie das Gebäude selbst vor den Augen der Besucher verwandeln und umgestalten.

Die drei nächsten Poster aus der Serie gehören zusammen. Sie dokumentieren den Wettbewerbsvorschlag, den der in Finnland geborene und in Polen lebende Architekt Oskar Hansen 1966 für den Bau eines Museum Moderner Kunst in Skopje eingereicht hatte.

Nachdem die Stadt 1963 durch ein Erdbeben zerstört wurde, beauftragte der United Nations Development Fund unter zahlreichen internationalen Bewerbern den Japanischen Architekten Kenzo Tange mit dem Wiederaufbau der Stadt. Teil des stadtplanerischen Konzepts war auch ein Museum für Moderne Kunst. Der Entwurf von Oskar Hansen, der von 1950 bis 1983 an der Akademie der Schönen Künste in Warschau unterrichtete und einen großen Einfluss auf viele jüngere polnische Künstler hatte, wurde nie realisiert. Er bestand aus einem Konzept, das keine feste Raumabfolge vorgab sondern eine flexible und veränderbare Gebäudestruktur aus einzelnen hexagonalen Elementen vorsah. Das Gebäude sollte je nach künstlerischer Notwendigkeit sehr flexibel an verschiedene Ausstellungsprojekte angepasst werden können.

Die weiteren Plakate aus der Serie behandeln fiktive Ausstellungen oder Vorträge, die im nie realisierten Museum der Moderne in Skopje stattgefunden haben könnten. Im Jahr 1968 die Ausstellung 'Remains of a Summer Day' mit Gemälden von Dušan Percinkov. Ein kleiner Text bemerkt dazu, es sei die letzte Ausstellung von Gemälden des Künstlers, der Mitte der 1970er Jahre entscheiden wird, nicht mehr zu malen. Dieses Plakat, wurde mit dem Wissen um das, was in der Zukunft geschehen wird, gestaltet. Geschichtsschreibung, diese komplexe Erzählung über die Vergangenheit, speist sich immer aus dem Wissen heraus, was in der Zeit nach den erzählten Ereignissen geschah. Sie ist immer eine Zeitreise aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Erzählt mit den gegenwärtigen Erfahrungen. Der Künstler, der 1939 in Skopje geboren wurde, hat wirklich nach einer ersten längeren Werkphase, die sich von 1963 bis 1975 der Malerei widmet, die Malerei aufgegeben und hauptsächlich grafisch gearbeitet.

Geschichtsschreibung findet ihre Quellen und historischen Fakten in den Dokumenten der Zeit. Ob diese irrtümlich oder absichtlich verfälscht oder gefälscht worden sind, ist schwer zu entscheiden. Das, was von der Geschichte erzählt und weitervermittelt wird, ist immer auch eine politische Erzählung. Das nächste Plakat aus der Serie ist datiert auf das Jahr 1973. Die  Ausstellung ist der amerikanischen Künstlerin Ana Mendieta (1948 – 1985) gewidmet. Sie wurde in Kuba geboren und war eines von mehreren tausend Kindern, die nach dem Sieg der Revolution in Kuba und dem Scheitern der amerikanischen Invasion in der Schweinebucht 1961 von ihren Eltern als Waisenkind in die USA geschickt wurde. Das Werk von Ana Mendieta ist geprägt von einer starken spirituellen Verbindung zur Erde. Elementare Situationen von Tod, Leben, Leiden und Gewalt, vor allem auch die Gewalt gegen Frauen spielen eine große Rolle. Das Poster zeigt Aufnahmen aus ihrer Dia Serie 'People Looking at Blood Moffitt', 1973. Vor ihrem Studio hatte Ana Mendieta eine große Blutlache gegossen. Die Aufnahmen dokumentieren die Reaktion der Passanten, die an diesem Ort eines möglichen Verbrechens vorbeigehen.

Die nächsten beiden Plakate konzentrieren sich auf einen der legendären Künstler der USA, Paul Thek (1933–1988), dessen Werk erst nach seinem Tod gewürdigt wurde und der für Künstler noch immer ein Vorbild st. Ihm widmete das imaginäre Museum der Moderne in Skopje schon 1974 eine Ausstellung. Auf dem Plakat wird der Künstler mit seiner Äußerung über Bambi zitiert. Bambi ist in seinen Augen berühmter und besser als das Jesuskind. Es wird von Millionen Menschen verehrt, rührt sie zu Tränen, zu tiefer Verehrung und wird innig geliebt. Der Künstler war mit Susan Sontag befreundet. Ihr Buch Aids und seine Metaphern von 1989 ist Paul Thek gewidmet, der 1988 an dieser Krankheit verstarb. Der Text im nächsten Plakat, Susan Lecturing on Nietzsche, bezieht sich darauf. Er stammt aus einem der späten, kleinen Gemälde des Künstlers aus dem Jahre 1987 und war etwas krakelig wie von Kinderhand über die Malerei geschrieben worden. Wie in einem wissenschaftlichen Aufsatz vermerkt die "Fußnote" im oberen Teil des Plakats diesen Zusammenhang. Das Poster kündigt einen Vortrag der amerikanischen Autorin im Jahr 1987 an.

Hexagonale kleine bunte Einzelelemente dehnen sich über das gesamte Poster ausund formen im Mittelteil das Wort Color. Schauen wir genauer, lesen wir oben: "Painting is Black, Sculpture is White, Architecture is". Jetzt kommen wir zurück auf das erste Poster der Serie. Bei Ad Reinhardt hatten wir schwarze Gemälde kennengelernt. "Painting is black", dieser Satz ist ein Zitat des amerikanischen Künstlers, der unter Künstlern sehr geschätzt wird, aber nicht wirklich erfolgreich ist; in keinen Trend passt, kein Star wird, aber kontinuierlich, ohne Kompromisse seine Ideen verfolgt. Es ist ein Zitat aus Ad Reinhardt‘s wichtigen Textsammlung 'Art as Art' von 1975. Kunst schlicht als Kunst, als dieses undefinierbare Andere, das sich nicht auflöst in Ästhetik, Schönheit oder Hässlichkeit und keine gesellschaftlichen Aufgabe oder Funktion hat, weder unterhält noch langweilt. Da ist die Malerei schwarz, weil sie nichts mit der bunten Wirklichkeit gemein hat. Die Skulptur weiß, weil sie alle Farbigkeit gewöhnlicher Gegenstände von sich weist. Die Architektur bunt und farbig, weil sie direkt unseren Bedürfnissen dienen muss. Sie gestaltet und entwirft den Lebensraum, die Stadt, die Wohnung, die Natur und bedient sich selbstverständlich aller Farben der Realität.

"Now is not the Moment" steht auf diesem Plakat mit dem seitenverkehrten Bild 'Artist at work' von Mladen Stilinović. Er selbst, 1947 in Belgrad geboren, ist auf dem abgebildeten Foto zu sehen. Im Bett liegend den Kopf abgewendet im Kissen vergraben. Der Künstler möchte seine Ruhe haben. Nachdenken, schlafen, abwarten, ob etwas geschieht, faul sein. 'The Praise of Laziness', ist der Titel seines Textes, den er erstmals 1998 im Moscow Art Magazin veröffentlichte. Er ist einer der Künstler die schon ab den 1960er Jahren einen wesentlichen Beitrag für eine neue, konzeptuelle Kunstpraxis leisteten. Der sozialistische Realismus war offiziell aus der Parteidoktrin gestrichen worden und abstrakte und konstruktive Tendenzen wurden gefördert. Ihn interessierten schon zu dieser Zeit grundsätzlichere Fragen: Welche Rolle hat der Künstler überhaupt in der Gesellschaft? Wie kann er korrigierend und reflektierend auf Entwicklungen einwirken? Wie kann er erreichen, dass die Wirklichkeit nicht auf das praktisch Machbare, finanziell Gewinnversprechende und politisch Opportune reduziert wird? Nach dem Fall des eisernen Vorhangs, konfrontiert mit dem blühenden westlichen Kunstmarkt, entsteht als Reaktion und Kritik dieser Text, ‚Lob der Faulheit’. Künstler im Westen sind nicht faul. Sie produzieren und produzieren. Aber 'Nichts-Tun', 'Nichts-Denken', 'Nichts-Wollen', sind in seinen Augen zentrale Grundlagen der Kunst. Erst sie lassen Werke entstehen, die nicht für den Markt, für die Nachfrage oder für eine bevorstehende Ausstellung benötigt werden, sondern ohne Grund und ohne Notwendigkeit aus purer Kreativität und Freiheit heraus entstehen.

Mit dem vorletzten Plakat dieser Serie wird unsere Geschichte über ein nie realisiertes Museum in Skopje, um eine weitere Nuance erweitert. Das Plakat zeigt die Spuren einer ausradierten Skizze, einer Zeichnung von Oskar Hansen zum Ort des geplanten Museums. Die polnische Künstlerin Agnieszka Kurant, 1978 in Lodz geboren, hat sie ausradiert und in eine Art Wasserfontäne umgewandelt. Sie nimmt dabei Bezug auf ein Projekt von Yves Klein und Claude Parent aus dem Jahr 1958. Beide hatten eine ihrer sogenannten 'Luft-Architekturen' für Warsaw Fountains für Trocadero entworfen. Ein Projekt, das wie das Museum in Skopje nie realisiert wurde.

Beim letzten Plakat aus der Serie handelt es sich um eine Malereiausstellung. Von Andrzej Szewczyk (1950–2001) werden Gemälde aus Chłopy gezeigt. Chłopy ist ein polnischer Badeort an der Ostseeküste, der sich aus einen kleinen Fischerdorf entwickelt hat. Einige der ursprünglichen Fachwerkhäuser zählen zum nationalen Kulturerbe. Wie werden die Bilder in der Ausstellung wohl aussehen? Zeigen sie malerische Fischerhäuser an einem idyllischen Hafen gelegen? Das Meer hinten dem Dünenstreifen, blauer Himmel und einige Wolken oder das Drama eines Sturms, der heranzieht?

Der Text auf dem Plakat gibt einige Auskünfte, wie die Gemälde der Ausstellung aussehen.

Sie geben die Oberflächenstrukturen von Teilen der Wandoberflächen der historischen Häuser wieder und sind in gleicher Größe und mit den gleichen Materialien angefertigt. Die Gemälde kopieren oder imitieren genau diese Oberflächen, die bei der Verarbeitung von weißem Ton, Klebstoffen und anderen Materialien beim Verputzen und Füllen der Fachwerkfelder entstanden sind.. Sie sind weder abstrakt noch darstellend. Sie sind als Bild identisch mit dem Bild des bestimmten Fragments am wirklichen Gebäude.

Der unscheinbar strukturierte Hintergrund und die Farbigkeit des Plakats stammen von einem der Wandfragmente oder dem identischen Bild davon.

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